28. November 2019

Ditgitales Nomadentum – über das Leben als freier Texter

“Und du kannst echt davon leben?” – mit dieser Frage werde ich als freier Texter und Redakteur regelmäßig konfrontiert. Als ich vor knapp acht Jahren den Schritt in die Selbstständigkeit wählte, hatte ich noch keine Ahnung was mich in meiner Rolle als Freelancer wohl in den folgenden Jahren erwarten sollte. Maßgeblich beeinflusst hat mich allerdings das heftige Schulterklopfen der zuständigen Arbeitsvermittlerin, die mir damals jegliche Sorgen nahm und mich in meiner Entscheidung sogar noch bekräftigte. Selbst ein dummerweise nicht in Anspruch genommener Existenzgründer-Zuschuss konnte mich nicht davon abbringen, ab dem Februar 2012 mein eigenes Brot zu verdienen – auch wenn es anfangs dann doch eher kleine Brötchen waren.

Agenturhopping als Networking-Faktor und Existenzgründer-Vorteil

Doch bevor es überhaupt soweit kommen konnte, muss ich erst einmal ein wenig ausholen: Meine eigentliche “Karriere” in der schreibenden Zunft begann schon früh mit der Aufnahme eines Gedichts in das Jahrbuch der Lyrik. Da hatte ich noch nicht einmal das Abitur in der Tasche und stand noch am Anfang meines beruflichen Werdegangs. Nach einem Praktikum im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit der Fachhochschule Jena, einem M-PEB Studium an der Universität Siegen und einer erfolgreich erstellten Diplomarbeit in der Unternehmenskommunikation von Volkswagen standen alle Zeichen zunächst auf PR-Berater. Nur einem Zufall ist es zu verdanken, dass ich bereits nach vier Monaten den Schwerpunkt wechselte und in München als Werbetexter anheuerte. Anschließend folgten rund 4 Jahre kreatives Thinktanking und orientierungsloses Agenturhopping querbeet durch die “Crème de la Crème” des “Who is Who” der  Kreativbranche – angefangen bei der Serviceplan Gruppe über kurze Zwischenstationen bei Scholz&Friends Hamburg, Interone und Avantgarde bis hin zu Heye. Und fast jedes Mal wurde ich mit den Worten verabschiedet: “Wenn du die Agenturen wie die Unterhosen wechselst, bekommst du irgendwann gar keinen Job mehr”.

Flexible Arbeitszeitmodelle sind auf Unternehmerseite eher selten

Der eigentliche Grund aber, wieso ich den Weg in die Selbständigkeit wählte, war mein Frust über die mangelhafte Flexibilität meiner Brötchengeber. Denn während man als Angestellter möglichst Überstunden schrubben und am Wochenende arbeiten sollte, kam das spontane Blaumachen im Fall von ausbleibenden Aufträgen und Leerläufen im Büro für den Arbeitgeber natürlich überhaupt nicht in Frage. Häufig hockte man dann als Kreativer am Schreibtisch und verbrachte die Zeit sinnlos mit Surfen und Langeweile. Schlau wie ich aber war, baute ich mir bereits damals parallel zu meiner Rolle als fleissiger Angestellter meine Selbständigkeit auf. Wobei mir meine zahlreichen Kontakte aus meiner vierjährigen “Sturm- und Drangphase” durchaus behilflich sein sollten – allen Unkenrufen zum Trotz. Irgendwann machten mir die kreativen Herausforderungen meiner freien Projekte dann sogar mehr Spaß als die eigentliche Arbeit und der Weg hin zum Freelancer war plötzlich glasklar gezeichnet. Selbst das Risiko einer dreimonatigen Sperre inklusive ausbleibendem Arbeitslosengeld konnte mich nicht mehr aufhalten. Frei nach dem Motto: “No risk, no fun” startete ich in meine selbstgewählte “Freiheit”.

Auch selbständige Texter haben einen Schreibtisch und feste Arbeitszeiten.

Der größte Vorteil des freien Texters und Redakteurs ist, dass man als digitaler Nomade nicht sonderlich viel an Büroaustattung braucht. Vier Wände, ein eigener Schreibtisch, ein Laptop mitsamt externem Monitor und Laserdrucker sowie ein internetfähiges Smartphone – vielmehr verlangt es nicht, um der täglichen Arbeit als Kreativer nachgehen zu können. Quasi ein mobiles Büro, das man jederzeit und flexibel an jedem beliebigen Ort dieser Welt platzieren kann. Wer nun glaubt, dass das Café ums Eck die ideale Location ist, hat sich allerdings geschnitten. Denn wer kreative Ideen ausdenken und komplette 360 Grad Kampagnen konzipieren muss, braucht maximale Ruhe und ggbf. den Austausch mit Gleichgesinnten im Rahmen eines Coworking Space. Nicht selten sitzt man eh beim Kunden direkt vor Ort, um die kommunikativen Wege so kurz wie möglich zu halten. Allerdings plädiere ich nach fast 8 Jahren sehr stark dafür, dass man als Kreativer selbst wählen kann, wo man gerne arbeitet. Häufig wird seitens der Unternehmen eine gewisse Präsenz gefordert, um den Teamspirit zu fördern. In der Regel bleibt es dann aber meistens bei den gemeinsamen Meetings, damit sich im Anschluss jeder hinter seinem Monitor verkriecht. Allein im Hinblick der Nachhaltigkeit sollte sich spätestens an diesem Punkt jeder Personaler und Unternehmer selbst die Frage stellen, ob es wirklich notwendig ist, dass die eigene Belegschaft wie auch die Freelancer zwingend inhouse arbeiten müssen.

Ohne geordenete Arbeitsstrukturen gibt’s auch keine Ordnung in den Kopf.

Insofern bin ich per Definition zwar ein digitaler Nomade. In der Regel bin ich dann aber doch an meinen Rechner gebunden und schwimme als freier Texter qausi in den festen Bahnen der unternehmerischen Strukturen. Auch der beifällige Kommentar vieler Menschen, dass man ja im Grunde genommen nur noch Freizeit haben würde, stimmt in dieser Form ganz und gar nicht. Natürlich kann ich jederzeit selbst entscheiden wann und ob und von wo aus ich arbeiten möchte. Aber allein die fixen Arbeitszeitmodelle und die festgelegten Deadlines für die einzelnen Projekte meiner Kunden zwingen mich dazu, mir selbst einen geregelten Berufsalltag zu schaffen. Andernfalls würde ich mich unnötig selbst unter Druck setzen und im schlimmsten Fall nicht fristgerecht fertig werden mit meiner Arbeit. Was allerdings in der Tat möglich ist, ist die flexible Einteilung meiner Arbeitszeit. So kann ich durchaus auch einmal am Wochenende arbeiten, um unter der Woche das schöne Wetter zu nutzen. Ebenso kann ich getrost die Beine hochlegen, wenn gerade kein Auftrag auf dem Tisch liegt. Klar, das klingt alles wunderbar romantisch, aber am Ende ist das dann doch eher die Ausnahme als die Regel. Von den Ängsten und Nöten des finanziellen Damokles-Schwerts mal ganz zu schweigen. Dementsprechend ist das A und O der Freelancer-Tätigkeit ein strukturierter Arbeitsalltag – schönes Wetter hin oder her.

Post Details

Category

Allgemein gedankengut

Tags

, , , , , , ,

Date

28. November 2019

Author

veischu

Neueste Kommentare